X
top
Konzerteindruck Komplizen

Bandbio

Im Dazwischen ist Platz

Komplizen zusammen vor einer Backsteinwand. ©2019 Louise Pinatel
Spagat zwischen berührender Einfachheit und musikalischer Tiefe. ©Louise Pinatel

Von souliger Samtigkeit bis zum existentiellen Schreien

Wie bei einem Roadtrip rauscht der Alternative Pop der Komplizen durch neblige Hügel, aufs Meer und in den Wald, in die Innenwelt von Hoffnungsvollen und Hoffnungslosen; und manchmal zeigt sich ein Ausblick, genauso flüchtig wie ergreifend. Auf dem treibenden Fundament aus Schlagzeug und Bass wabert die warme Gitarre, schweben die verwobenen Klangwelten von Querflöte und Geige, legt sich der mehrstimmige Gesang der drei Frontfrauen. Mit Kontrabass, Violine und Querflöte im Satz öffnen sich weite Räume und kammermusikalische Rhythmuspassagen. Die Instrumente quietschen, scharren, schuschuhen; hängen sich als Hook ins Ohr.

Komplizen im Konzert. ©2019 Florian Rosier
Komplizen im Konzert. ©Florian Rosier

In den Arrangements experimentieren die Komplizen mit den Stilen, behalten als Kompass jedoch die markante Stimme von Ellen Bonte, deren Texten eine Dringlichkeit innewohnt, die sich trotzig gegen das Vereinfachen auflehnt und sich dennoch dem Pop hingibt.

Und manchmal zeigt sich ein Ausblick, genauso flüchtig wie ergreifend.

Ellen Bonte bei Komplizen Konzert
Die ausdrucksstarke Stimme von Ellen Bonte prägt das Soundbild der Band. ©Florian Rosier

In Bontes Texten und in ihren Liedern liegt eine Dringlichkeit.

Die gebürtige Münsteranerin beginnt früh mit dem Lieder schreiben; geprägt von der Musikbegeisterung ihrer älteren Brüder, von denen sie schon als Kind Mixtapes „ausleiht“. Mit 16 geht sie nach Kanada und sammelt als Bassistin erste Konzerterfahrung. Ab 20 steht sie dann alleine nur mit der Gitarre bewaffnet auf der Bühne, tourt mit Illute und spielt in verschiedenen Kombos, u. a. mit Dörte von Sturmschäden und mit MarionMarion.

Doch sie merkt schnell, dass Lampenfieber immer mehr zur Herausforderung wird und Angstattacken sie begleiten. Trotz Auftritten beim Fusion Festival oder als Vorband von Locas in Love scheut sie die Aufmerksamkeit, spielt zweimal im Jahr kleine Konzerte, veröffentlicht ihre Stücke im Selbstverlag und mit marginaler Auflage, verdient ihr Geld mit einer Bar und als Texterin.

2016 ändern sich mit dem Umzug nach Leipzig wichtige Vorzeichen in Bontes Leben. Sie wird in der lebendigen Leipziger Open Mic-Szene aktiv. Mit der Sängerin und Geigerin Maren Patzwahl gründet sie ein Duo, mit dem die beiden auf den offenen Bühnen der Stadt spielen. Bei den gemeinsamen Auftritten überwindet Bonte das Lampenfieber, das sie als Soloact plagte.

Maren Patzwahl beim Seeklangfestival ©2020 David Deing
Maren Patzwahls jazzige Vocals erden mit Nuanciertheit und sanfter Kraft. ©David Deing
Christin beim Konzert. ©2019 Florian Rosier
Christin Schmidt setzt mit Stimme und Flöte Akzente. ©Florian Rosier

Sie startet das Projekt „Ellens Komplizen“ mit dem britischen Folkgitarristen Alastair Gordon, der sie auf dem Bass begleitet. Die umtriebige Querflötistin Christin Schmidt schließt sich ihnen an. Die drei holen den Drummer Jonathan Rentsch hinzu und improvisieren auf Grundlage von Bontes Stücken.

Bei den ersten Konzerten von Ellens Komplizen spüren die Zuhörer die Freude der Musiker an eigenwilligen Klängen: groovig, verspielt, manchmal zart und zerbrechlich, plötzlich düster, dann wieder wie eine warme Umarmung. Komplex, abwechslungsreich und selten vorhersehbar. Eine Art Indiepop mit Soulvibes und Bluenotes, wie eine merkwürdige Kreuzung aus Karen Dalton und Ideal.

Komplex, abwechslungsreich und selten vorhersehbar

Jonathan Rentsch und Franz Schwarznau grooven. ©2019 Florian Rosier mit Schlagzeug und Bass
Jonathan Rentsch (dr) und Franz Schwarznau (b) betten die souligen Harmonien in einen fein gewebten Grooveteppich. ©Florian Rosier

Als Gordon wegen des Brexits zurück nach Sheffield geht, steigt der Kontrabassist Franz Schwarznau ein. Die Band kürzt den Namen zu „Komplizen“ und nimmt 2019 ein Demo auf, das auf durchweg positive Resonanz stößt. Um die Soundvielfalt zu erweitern, holt Bonte auch ihre Duo-Partnerin Maren Patzwahl in die Band.

Das Debüt Manic Soul, ein wilder Trip durch die Genres

Lange interpretieren die Komplizen ihre Songs im Konzert immer wieder neu, doch nach und nach werden die Arrangements immer feiner. Im Sommer 2020 nehmen die Komplizen das Video zu “Satt” auf, eine epische Hymne auf Grundlage des Texts “Gefilde der Unseligen” von Gottfried Benn. Während die Pandemie den Konzertbetrieb lahmlegt, arbeitet die Band an ihrem Debütalbum. Nach einem erfolgreichen Crowdfunding schließen sich die fünf Musiker*innen im Sommer 2021 für eine Woche in einem Studio ein und feilen in der sächsischen Pampa an den Stücken. Im Mai 2022 erscheint schließlich “Manic Soul”, ein wilder Trip durch die Genres, in dem der Raum zwischen den Tönen eine prominente Rolle spielt.

Christin Schmidt, Ellen Bonte, Jonathan Rentsch, Franz Schwarznau und Maren Patzwahl (von links nach rechts)
Christin Schmidt, Ellen Bonte, Jonathan Rentsch, Franz Schwarznau und Maren Patzwahl (von links nach rechts). ©Florian Rosier

Wenn Komplizen laut Duden Helfershelfer einer Straftat sind, so sind es im Falle dieser Band die Helfershelfer eines aufrüttelten Sounds, der genauso melancholisch wie beschwingt fragt: Was kann ich machen, wo stehe ich in dem Ganzen und wie verhalte ich mich in Anbetracht der gefühlten und tatsächlichen Katastrophen. Das Publikum fragt mit und wird selbst zum Komplizen. Daraus entsteht ein gemeinsames Schwung-holen. Für den nächsten Schritt. Denn es geht weiter. Solange wir gehen.

©2020 Komplizen